Pflegegrad bei Schlaganfall
Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Schlaganfall mit Folgen diese Hilfe typischerweise nötig macht.
Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026
Worum es geht
Plötzlich auftretende Durchblutungsstörung oder Blutung im Gehirn. Die Folgen hängen von Ort und Größe ab: Halbseitenlähmung mit Spastik, Sprachstörung (Aphasie), Vernachlässigung einer Raum- oder Körperhälfte (Neglect), Schluckstörung (Dysphagie), Handlungsstörungen (Apraxie), Sehfeldausfälle, Erschöpfbarkeit (Fatigue), Depression. Nach der Rehabilitation bleibt häufig ein stabiler, aber dauerhafter Hilfebedarf.
Das geht im Termin oft unter
Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.
- Modul 2 · Mitteilen von elementaren Bedürfnissen
Kann Hunger, Durst, Schmerz, Harndrang nicht in Worte fassen, sagt falsche Wörter (‚Auto‘ statt ‚Toilette‘), zeigt nur durch Unruhe oder Zeigen.
Warum das untergeht: Angehörige ‚verstehen ihn schon‘ – über Jahre eingeübtes Raten und Deuten ersetzt die fehlende Fähigkeit und wird nicht als Hilfe gesehen.
- Modul 2 · Verstehen von Aufforderungen
Versteht gesprochene Aufforderungen nur mit Gesten und Zeigen, reagiert falsch auf Worte allein.
Warum das untergeht: Er nickt, lächelt und scheint zu verstehen – bei Aphasie mit Verständnisstörung ist das oft Kompensation. Aufforderungen werden über Gesten und Situation erraten.
- Modul 3 · Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage
Hat keinen Antrieb, will nicht aufstehen, nicht üben, nicht essen, weint, sagt, alles sei sinnlos.
Warum das untergeht: Niedergeschlagenheit gilt als nachvollziehbar und wird nicht als Unterstützungsbedarf beschrieben. Sagt jemand, er wolle so nicht mehr leben, gehört das zeitnah ärztlich angesprochen; bei akuter Gefahr Krisendienst oder 112.
- Modul 3 · Ängste
Hat Panik bei jedem Kribbeln oder Kopfschmerz, will nicht allein sein, ruft nachts, weil sie Angst hat.
Warum das untergeht: Angst vor einem neuen Schlaganfall wird als verständlich hingenommen. Bewertbar ist sie, wenn sie in Panik gerät und aktiv beruhigt werden muss; bloßes Dableiben zählt nicht.
- Modul 3 · Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten
Weint plötzlich und heftig ohne passenden Anlass, kann nicht aufhören, schämt sich dafür.
Warum das untergeht: Unkontrollierbares Weinen wird als Trauer verstanden oder verschwiegen.
- Modul 3 · Verbale Aggression
Schreit, flucht oder schlägt auf den Tisch, wenn er sich nicht verständlich machen kann.
Warum das untergeht: Wutausbrüche aus Frust über die Sprachlosigkeit werden als ‚verständlich‘ nicht erwähnt.
Genau diese Punkte gehen im Termin am häufigsten unter. Wie du sie so vorbereitest, dass du sie im Gespräch nicht vergisst, zeige ich im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“ →
Typische Fallen bei der Begutachtung
- Mitarbeit wird mit Selbstständigkeit verwechselt: Wer einhändig mit großer Mühe und in 40 Minuten einen Teil schafft, gilt als ‚überwiegend selbstständig‘.
- Aphasie wird als geistige Behinderung missverstanden oder umgekehrt als Sprachproblem ohne Bedeutung für Modul 2; die Kommunikationskriterien 2.9–2.11 bewerten die kommunikative Fähigkeit.
- Neglect und fehlende Krankheitseinsicht: Die Person sagt, sie könne alles, und ist überzeugt davon.
- Schluckstörung wird unterschätzt, weil sie still verläuft; Andicken und Überwachung bei jeder Mahlzeit fehlen in der Schilderung.
- Fatigue: Morgens klappt vieles, danach nichts mehr – der Termin am Vormittag zeigt das nicht.
- Therapiebegleitungen und Heimübungen (Modul 5) werden kaum aufgezählt, obwohl sie oft mehrmals wöchentlich stattfinden.
- Alte Einstufung aus der Reha-Zeit bildet den aktuellen Zustand (Spastik, Kontrakturen, Depression) nicht ab.
Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul
Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.
Modul 3: Verhalten und Psychekostenlos · zum Aufklappen tippen4 Punkte
Gezählt wird hier nur, wenn wegen des Verhaltens oder der Angst aktiv geholfen werden muss: beruhigen, zum Atmen anleiten, ablenken, zureden, eingreifen. Dass nur jemand im Raum ist, damit sich die Person sicherer fühlt, zählt nach den Begutachtungs-Richtlinien nicht.
- 3.11 Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage oft übersehen
Hat keinen Antrieb, will nicht aufstehen, nicht üben, nicht essen, weint, sagt, alles sei sinnlos.
Hilfe: Motivation
- 3.10 Ängste oft übersehen nachts
Hat Panik bei jedem Kribbeln oder Kopfschmerz, will nicht allein sein, ruft nachts, weil sie Angst hat.
Hilfe: aktive angstlösende Unterstützung
- 3.7 Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten oft übersehen
Weint plötzlich und heftig ohne passenden Anlass, kann nicht aufhören, schämt sich dafür.
Hilfe: aktive Beruhigung
- 3.6 Verbale Aggression oft übersehen
Schreit, flucht oder schlägt auf den Tisch, wenn er sich nicht verständlich machen kann.
Hilfe: aktive Beruhigung
Positionswechsel im Bett · Halten einer stabilen Sitzposition · Umsetzen · Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs · Treppensteigen
Mitteilen von elementaren Bedürfnissen · Verstehen von Aufforderungen · Beteiligen an einem Gespräch · Verstehen von Sachverhalten und Informationen · Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen
Waschen des vorderen Oberkörpers · Körperpflege im Bereich des Kopfes · Waschen des Intimbereichs · Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare · An- und Auskleiden des Oberkörpers · An- und Auskleiden des Unterkörpers · Mundgerechtes Zubereiten der Nahrung und Eingießen von Getränken · Essen · Trinken · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls · Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz und Umgang mit Dauerkatheter und Urostoma
Medikation · Körpernahe Hilfsmittel · Messung und Deutung von Körperzuständen · Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung · Besuch anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen (bis 3 Std.) · Arztbesuche · Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften
Ruhen und Schlafen · Sichbeschäftigen · Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds
Alle Module und die Liste zum Ausdrucken
Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 6 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Schlaganfall mit Folgen zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.
Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz
Freigeschaltet. Die Liste zum Ausdrucken wurde heruntergeladen.
Die Liste zeigt, was zählt. Wie du es im Termin ruhig und vollständig sagst, ist Thema im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“.
So schilderst du es konkret
Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.
So sagen es viele„Ich verstehe ihn ja meistens.“
So wird es sichtbar„Ich verstehe ihn, weil ich ihn kenne und rate. Er sagt ‚Fenster, Fenster‘ und meint, dass er auf die Toilette muss. Wenn er Schmerzen hat, wird er unruhig und schlägt mit der gesunden Hand auf den Tisch, er kann nicht sagen, wo es weh tut. Fremde, auch der Pflegedienst, verstehen ihn gar nicht. Eine Bildtafel haben wir, die nutzt er nur, wenn ich sie ihm hinhalte.“
So sagen es viele„Verstehen tut sie alles.“
So wird es sichtbar„Sie nickt zu allem. Wenn ich nur sage ‚Heb bitte den Arm‘, passiert nichts oder sie hebt das Bein. Zeige ich es vor, klappt es. Beim Arzt hat sie auf ‚Haben Sie Schmerzen?‘ ja gesagt und auf ‚Geht es Ihnen gut?‘ auch ja.“
So sagen es viele„Er ist natürlich traurig, dass es so gekommen ist.“
So wird es sichtbar„Er will morgens nicht aus dem Bett. Die Übungen macht er nur, wenn ich ihn mehrmals auffordere und daneben sitze. Er isst kaum, weil er keine Lust hat. Täglich sagt er, er wolle so nicht leben. Er ist beim Psychiater in Behandlung. Ohne mein Anschieben würde er den Tag im Bett liegen.“
Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.
Gute und schlechte Tage
Die Lähmung selbst schwankt wenig, aber Erschöpfbarkeit (Fatigue), Spastik, Schmerzen und Konzentration schwanken stark nach Tageszeit, Belastung und Schlaf. Morgens nach dem Waschen ist die Kraft für den Tag oft schon verbraucht.
Was als Nachweis hilft
- Lagerungsplan
- Falls vorhanden: Hautbefund bei Druckstellen
- Rollstuhl mit Sitz-/Rumpfstützen als Hilfsmittel benennen
- Falls vorhanden: Transfertechnik aus der Reha (Entlassbericht)
- Falls vorhanden: Hilfsmittelverordnungen (Rollstuhl, Stock, Orthese)
- Falls vorhanden: Logopädischer Befund (Aphasietyp, Schweregrad)
- Kommunikationshilfe/Bildtafel zeigen
- Falls vorhanden: Logopädischer Befund mit Sprachverständnis
Und jetzt?
Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.