Pflegegrad nach Diagnose · Demenz und Neurologie

Pflegegrad bei frontotemporaler Demenz

Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Frontotemporale Demenz diese Hilfe typischerweise nötig macht.

Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026

Worum es geht

Gruppe neurodegenerativer Erkrankungen des Stirn- und Schläfenlappens, oft mit Beginn zwischen 50 und 65 Jahren. Bei der häufigsten, verhaltensbetonten Form (bvFTD) stehen Persönlichkeitsveränderung, Enthemmung, Antriebsverlust, Verlust von Mitgefühl, veränderte Essgewohnheiten und starre Rituale im Vordergrund, während Gedächtnis und Orientierung anfangs gut erhalten sein können. Sprachbetonte Formen (PPA) beginnen mit Sprach- und Wortverständnisstörungen.

Der Verlauf schreitet meist fort. Beschreib deshalb den Alltag, wie er im Moment wirklich ist, nicht wie er an einem guten Tag aussieht.

Der Termin steht schon? Dann reicht eine Liste allein nicht. Im Videokurs bereitest du das ganze Gespräch vor, Schritt für Schritt. So läuft der Videokurs ab

Das geht im Termin oft unter

Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.

  1. Modul 2 · Beteiligen an einem Gespräch

    Antwortet einsilbig oder mit Standardsätzen, fragt nicht zurück, unterbricht, verlässt mitten im Gespräch den Raum.

    Warum das untergeht: Kurze, prägnante Antworten wirken im Termin souverän; dass er kein Gespräch mehr führt, sondern nur Stichworte liefert oder immer dieselben Sätze sagt, fällt nicht auf.

  2. Modul 3 · Sozial inadäquate Verhaltensweisen

    Spricht Fremde distanzlos an, kommentiert Aussehen laut, fasst Menschen an, drängelt, isst vom fremden Teller.

    Warum das untergeht: Aus Scham verschwiegen; ohne konkrete Beispiele und Häufigkeit nicht bewertbar.

  3. Modul 3 · Sozial inadäquate Verhaltensweisen

    Macht sexuelle Bemerkungen, entblößt sich, berührt andere unangemessen, auch Pflegekräfte.

    Warum das untergeht: Wird aus Scham fast nie erzählt, ist aber für die Einschätzung wichtig; ein Vier-Augen-Gespräch oder schriftlicher Hinweis hilft.

  4. Modul 3 · Verbale Aggression

    Beschimpft Angehörige oder Fremde grob, wird laut, wenn er seinen Willen nicht bekommt.

    Warum das untergeht: Beleidigungen werden als taktlose Art abgetan.

  5. Modul 3 · Nächtliche Unruhe

    Steht nachts auf, sucht Essen, öffnet den Kühlschrank, isst große Mengen, macht Lärm.

    Warum das untergeht: Nächtliches Aufstehen zum Essen wird nicht als Unruhe erkannt.

  6. Modul 5 · Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften

    Kann bei manchen Betroffenen eine ärztlich angeordnete Diät (z. B. bei Diabetes) wegen fehlender Krankheitseinsicht nicht einhalten, isst Süßes in großen Mengen; direktes Eingreifen kann mehrmals täglich nötig sein.

    Warum das untergeht: Eine ärztlich angeordnete Diät (z. B. bei Diabetes durch Gewichtszunahme) ist ohne ständige Kontrolle nicht einzuhalten; das wird nicht als Hilfe benannt.

Typische Fallen bei der Begutachtung

  • Gedächtnis- und Orientierungsfragen werden gut beantwortet; das Gutachten verzeichnet ‚kognitiv unauffällig‘, obwohl Urteilsvermögen und Verhalten massiv gestört sind.
  • Ruhige Termin-Situation: Kein Reiz, kein Essen, kein Einkauf – das Verhalten zeigt sich nicht.
  • Fehlende Krankheitseinsicht: Der Betroffene erklärt freundlich und überzeugt, er brauche keine Hilfe.
  • Scham der Angehörigen: sexuelle Enthemmung, Stehlen im Laden, Beleidigungen Fremder werden nicht berichtet.
  • Jüngeres Alter: Gutachter erwarten keine Demenz bei 58-Jährigen; Symptome werden als Depression oder ‚Midlife-Krise‘ gedeutet.
  • Modul 3 ist oft das punktstärkste Modul, wird aber ohne Häufigkeiten und Beispiele kaum bewertbar.
  • Unsichtbare Schutzmaßnahmen: weggeschlossene Lebensmittel, gesperrte Konten, abgegebener Führerschein.

Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul

Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.

Modul 3: Verhalten und Psychekostenlos · zum Aufklappen tippen12 Punkte

Gezählt wird hier nur, wenn wegen des Verhaltens oder der Angst aktiv geholfen werden muss: beruhigen, zum Atmen anleiten, ablenken, zureden, eingreifen. Dass nur jemand im Raum ist, damit sich die Person sicherer fühlt, zählt nach den Begutachtungs-Richtlinien nicht.

  • 3.12 Sozial inadäquate Verhaltensweisen oft übersehen

    Spricht Fremde distanzlos an, kommentiert Aussehen laut, fasst Menschen an, drängelt, isst vom fremden Teller.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 3.12 Sozial inadäquate Verhaltensweisen oft übersehen

    Macht sexuelle Bemerkungen, entblößt sich, berührt andere unangemessen, auch Pflegekräfte.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 3.13 Sonstige pflegerelevante inadäquate Handlungen

    Sammelt Gegenstände (Kronkorken, Prospekte), räumt Dinge immer wieder um, schaltet Licht an und aus, zählt, klatscht.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung, aktive Beruhigung

  • 3.13 Sonstige pflegerelevante inadäquate Handlungen

    Uriniert in Blumentöpfe, im Garten vor Nachbarn oder in Ecken, obwohl die Toilette erreichbar wäre.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 3.6 Verbale Aggression oft übersehen

    Beschimpft Angehörige oder Fremde grob, wird laut, wenn er seinen Willen nicht bekommt.

    Hilfe: aktive Beruhigung, Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 3.5 Physisch aggressives Verhalten gegenüber anderen Personen

    Stößt weg, packt fest am Arm, schubst, wenn er aufgehalten wird.

    Hilfe: aktive Beruhigung

  • 3.1 Motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten

    Läuft stundenlang dieselben Wege in der Wohnung oder draußen ab, kann nicht still sitzen.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 3.3 Selbstschädigendes und autoaggressives Verhalten

    Kann Nicht-Essbares essen (Seife, Blumenerde, Tierfutter, Verdorbenes). Gefährliches Stopfen mit Verschluckungsgefahr betrifft vor allem die Beaufsichtigung beim Essen und ist in Modul 4 zu schildern.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 3.7 Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten

    Wiederholt ständig dieselben Wörter oder Sätze, summt, pfeift oder klatscht laut, stört dadurch andere.

    Hilfe: aktive Beruhigung

  • 3.8 Abwehr pflegerischer und anderer unterstützender Maßnahmen

    Wehrt Waschen, Rasieren, Kleiderwechsel ab, sieht keinen Sinn darin, wird dabei laut oder läuft weg.

    Hilfe: Motivation

  • 3.4 Beschädigen von Gegenständen

    Wirft Gegenstände, schlägt gegen Türen, zerreißt Zeitungen oder Briefe, wenn er frustriert ist.

    Hilfe: aktive Beruhigung

  • 3.2 Nächtliche Unruhe oft übersehen nachts

    Steht nachts auf, sucht Essen, öffnet den Kühlschrank, isst große Mengen, macht Lärm.

    Hilfe: aktive Beruhigung, Begleitung

Modul 1: Mobilität1 Punkte

Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs

Modul 2: Denken und Verständigung12 Punkte

Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld · Örtliche Orientierung · Zeitliche Orientierung · Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen · Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen · Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben · Verstehen von Sachverhalten und Informationen · Erkennen von Risiken und Gefahren · Mitteilen von elementaren Bedürfnissen · Verstehen von Aufforderungen · Beteiligen an einem Gespräch

Modul 4: Selbstversorgung3 Punkte

Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare · Körperpflege im Bereich des Kopfes · Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz und Umgang mit Dauerkatheter und Urostoma

Modul 5: Umgang mit Krankheit und Therapie4 Punkte

Medikation · Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften · Arztbesuche · Besuch anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen (bis 3 Std.)

Modul 6: Alltag und soziale Kontakte4 Punkte

Gestaltung des Tagesablaufs und Anpassung an Veränderungen · Sichbeschäftigen · Vornehmen von in die Zukunft gerichteten Planungen · Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds

Alle Module und die Liste zum Ausdrucken

Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 6 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Frontotemporale Demenz zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.

Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz

So schilderst du es konkret

Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.

So sagen es viele„Unterhalten kann man sich mit ihm.“

So wird es sichtbar„Er antwortet kurz, ‚ja‘, ‚gut‘, ‚weiß ich nicht‘. Eine Rückfrage kommt nie. Er hat drei, vier Sätze, die er immer wieder sagt, zum Beispiel ‚Das ist doch alles Quatsch‘. Wenn ihn das Gespräch langweilt, steht er mitten im Satz auf und geht.“

So sagen es viele„Er ist sehr kontaktfreudig geworden.“

So wird es sichtbar„Er spricht jeden an. Im Supermarkt hat er einer Frau gesagt, sie sei zu dick für die Hose. An der Kasse fasst er Leuten an die Schulter oder greift in deren Einkaufswagen. Im Café isst er vom Nachbartisch. Ich kann mit ihm nirgends hin, ohne ihn ständig zurückzuhalten und mich zu entschuldigen. Das passiert jedes Mal, wenn wir rausgehen, also täglich.“

So sagen es viele„Darüber möchte ich lieber nicht reden.“

So wird es sichtbar„Das fällt mir schwer zu sagen: Er macht zwei-, dreimal die Woche anzügliche Bemerkungen gegenüber der Pflegekraft und hat sie einmal angefasst. Zuhause zieht er sich vor dem Fenster aus. Deshalb kommt jetzt nur noch ein männlicher Pfleger, und ich muss immer dabei sein, wenn Besuch da ist.“

Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.

Was als Nachweis hilft

  • Falls vorhanden: Neuropsychologischer Befund mit Exekutivtests (nicht nur MMST)
  • Konkrete Abläufe im Pflegetagebuch
  • Bestellungen/Rückabwicklungen dokumentieren
  • Falls vorhanden: Logopädischer oder neuropsychologischer Befund
  • Schutzmaßnahmen: Schlüssel versteckt, Konto mit Limit, Kühlschrankschloss
  • Falls vorhanden: Arztbericht zur unbemerkten Verletzung
  • Beispiele mit Datum sammeln, auch wenn sie unangenehm sind
  • Schriftliche Notiz für die Gutachterin vorbereiten (Vier-Augen-Prinzip)

Und jetzt?

Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.

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