Pflegegrad nach Diagnose · Demenz und Neurologie

Pflegegrad bei vaskulärer Demenz

Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Vaskuläre Demenz diese Hilfe typischerweise nötig macht.

Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026

Worum es geht

Demenz infolge von Durchblutungsstörungen des Gehirns (mehrere kleine oder größere Infarkte, Veränderungen der kleinen Gefäße). Im Vordergrund stehen oft Verlangsamung, Störungen von Planung und Aufmerksamkeit, Gangstörung, Blasenstörung und Stimmungsveränderungen, weniger die reine Vergesslichkeit. Häufig Mischform mit Alzheimer-Veränderungen.

Der Verlauf schreitet meist fort. Beschreib deshalb den Alltag, wie er im Moment wirklich ist, nicht wie er an einem guten Tag aussieht.

Der Termin steht schon? Dann reicht eine Liste allein nicht. Im Videokurs bereitest du das ganze Gespräch vor, Schritt für Schritt. So läuft der Videokurs ab

Das geht im Termin oft unter

Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.

  1. Modul 2 · Örtliche Orientierung

    Kann nachts nach dem Aufwachen in der eigenen Wohnung unsicher sein, wo er ist; außerhalb der Wohnung kann das Zurechtfinden erschwert sein. Unsicherheit an fremden Orten oder kurz nach einem Klinikaufenthalt zählt allein nicht.

    Warum das untergeht: In der Wohnung kaum auffällig; in Arztpraxis, Supermarkt oder nach Krankenhausaufenthalt massive Verunsicherung, die niemand erzählt.

  2. Modul 2 · Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen

    Vergisst Absprachen und Termine, erinnert sich aber, wenn man den Anfang erzählt; weiß abends nicht, was am Tag war.

    Warum das untergeht: Mit Stichwort erinnert die Person sich – im Termin fragt die Gutachterin mit Hinweisen und erhält richtige Antworten. Im Alltag gibt es diese Stichworte nicht.

  3. Modul 2 · Erkennen von Risiken und Gefahren

    Steht ohne Rollator auf, steigt auf die Leiter, will Auto fahren, erkennt Glätte oder Hitze nicht als Gefahr.

    Warum das untergeht: Die Person hält sich für sicherer, als sie ist; diese Selbstüberschätzung ist die eigentliche Einschränkung, wird aber nicht als kognitives Problem erkannt.

  4. Modul 3 · Ängste

    Kann nach Stürzen ausgeprägte Angst beim Gehen entwickeln: klammert sich fest, bekommt Herzrasen und Zittern, gerät in Panik. Für 3.10 zählt nur, wie oft er dann aktiv beruhigt werden muss; Begleitung wegen motorischer Sturzgefahr gehört zu Modul 1.

    Warum das untergeht: Die Angst nach Stürzen wird nicht als eigene Problemlage genannt. Bewertbar ist sie nur, wenn er in Panik gerät und aktiv beruhigt werden muss, nicht schon deshalb, weil jemand mitgeht.

  5. Modul 3 · Nächtliche Unruhe

    Wacht verwirrt auf, steht auf, sucht verstorbene Angehörige, will das Haus verlassen, erkennt das Zimmer nicht.

    Warum das untergeht: Nächtliche Verwirrtheitsphasen gelten als ‚schlechte Nacht‘ und werden nicht mit Häufigkeit und Maßnahme beschrieben.

  6. Modul 4 · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls

    Muss sehr plötzlich, schafft den Weg nicht rechtzeitig, braucht Hilfe bei Hose und beim Aufstehen von der Toilette.

    Warum das untergeht: Die Kombination aus plötzlichem Harndrang und langsamem Gang macht jeden Toilettengang zum Wettlauf – gezählt werden sie selten, vor allem die nächtlichen nicht.

Typische Fallen bei der Begutachtung

  • Gutes Gedächtnis im Gespräch: Fragen nach Datum oder Lebenslauf werden (langsam) richtig beantwortet, die Planungs- und Tempostörung sieht man nicht.
  • Verlangsamung wird als ‚Alter‘ normalisiert: Dass das Anziehen 45 Minuten dauert und zwischendurch aufgehört wird, sagt niemand.
  • Stufenweiser Verlauf: Ein alter Vorbefund oder eine alte Einstufung spiegelt den Zustand nach dem letzten Ereignis nicht wider.
  • Stimmungsschwankungen und Weinen werden aus Scham verschwiegen oder als ‚nah am Wasser gebaut‘ abgetan.
  • Harndrang und Einnässen werden kleingeredet; nächtliche Toilettengänge mit Sturzrisiko fehlen.
  • Tagesform abhängig von Blutdruck und Trinkmenge: am Termin-Vormittag gut, nachmittags deutlich schlechter.

Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul

Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.

Modul 2: Denken und Verständigungkostenlos · zum Aufklappen tippen11 Punkte
  • 2.2 Örtliche Orientierung oft übersehen nachts

    Kann nachts nach dem Aufwachen in der eigenen Wohnung unsicher sein, wo er ist; außerhalb der Wohnung kann das Zurechtfinden erschwert sein. Unsicherheit an fremden Orten oder kurz nach einem Klinikaufenthalt zählt allein nicht.

    Hilfe: Begleitung, Anleitung

  • 2.4 Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen oft übersehen

    Vergisst Absprachen und Termine, erinnert sich aber, wenn man den Anfang erzählt; weiß abends nicht, was am Tag war.

    Hilfe: Erinnerung/Aufforderung

  • 2.5 Steuern von mehrschrittigen Alltagshandlungen

    Bleibt mitten in der Handlung stehen (halb angezogen, Zahnbürste in der Hand), wiederholt einen Schritt immer wieder, findet nicht zum nächsten Schritt.

    Hilfe: Erinnerung/Aufforderung, Anleitung

  • 2.6 Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben

    Kann sich bei mehreren Möglichkeiten nicht entscheiden, trifft unpassende Entscheidungen oder schiebt alles auf.

    Hilfe: Unterstützung bei Entscheidungen

  • 2.7 Verstehen von Sachverhalten und Informationen

    Braucht sehr lange, um Informationen zu erfassen, versteht bei mehreren Informationen nur die erste, ist durch Nebengeräusche völlig abgelenkt.

    Hilfe: Anleitung

  • 2.8 Erkennen von Risiken und Gefahren oft übersehen nachts

    Steht ohne Rollator auf, steigt auf die Leiter, will Auto fahren, erkennt Glätte oder Hitze nicht als Gefahr.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 2.10 Verstehen von Aufforderungen

    Reagiert erst nach langer Pause oder gar nicht auf Aufforderungen, besonders bei Müdigkeit oder wenn mehrere Personen sprechen.

    Hilfe: Erinnerung/Aufforderung, Begleitung

  • 2.11 Beteiligen an einem Gespräch

    Verliert nach kurzer Zeit den Faden, antwortet einsilbig, schläft ein oder driftet ab, besonders bei mehreren Gesprächspartnern.

  • 2.1 Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld

    Erkennt vertraute Personen meist; nach einem neuen Durchblutungsereignis kann das Erkennen dauerhaft schlechter werden. Kurzzeitige Verwirrtheit bei Infekt oder nach Klinikaufenthalt zählt nicht.

  • 2.3 Zeitliche Orientierung nachts

    Weiß nicht, wie spät es ist oder wie lange etwas her ist, verwechselt Vormittag und Nachmittag nach dem Mittagsschlaf.

    Hilfe: Erinnerung/Aufforderung

  • 2.9 Mitteilen von elementaren Bedürfnissen nachts

    Meldet Harndrang, Schmerz oder Durst zu spät oder undeutlich; sagt aus Antriebsmangel nichts.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung

Modul 1: Mobilität3 Punkte

Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs · Umsetzen · Treppensteigen

Modul 3: Verhalten und Psyche5 Punkte

Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten · Verbale Aggression · Ängste · Nächtliche Unruhe · Motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten

Modul 4: Selbstversorgung10 Punkte

Waschen des vorderen Oberkörpers · Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare · An- und Auskleiden des Unterkörpers · Essen · Trinken · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls · Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz und Umgang mit Dauerkatheter und Urostoma · Körperpflege im Bereich des Kopfes · An- und Auskleiden des Oberkörpers · Mundgerechtes Zubereiten der Nahrung und Eingießen von Getränken

Modul 5: Umgang mit Krankheit und Therapie6 Punkte

Medikation · Messung und Deutung von Körperzuständen · Körpernahe Hilfsmittel · Arztbesuche · Besuch anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen (bis 3 Std.) · Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung

Modul 6: Alltag und soziale Kontakte4 Punkte

Gestaltung des Tagesablaufs und Anpassung an Veränderungen · Ruhen und Schlafen · Sichbeschäftigen · Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds

Alle Module und die Liste zum Ausdrucken

Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 6 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Vaskuläre Demenz zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.

Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz

So schilderst du es konkret

Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.

So sagen es viele„Er weiß schon, wo er ist.“

So wird es sichtbar„Zuhause findet er sich tagsüber zurecht. Nachts wacht er auf und fragt, ob wir im Hotel sind, zwei-, dreimal die Woche. Draußen lasse ich ihn nicht allein.“

So sagen es viele„Sein Gedächtnis ist noch gut.“

So wird es sichtbar„Wenn man ihm auf die Sprünge hilft, weiß er vieles noch. ‚Wer war heute da?‘ – keine Ahnung. ‚War deine Schwester heute da?‘ – ‚Ach ja, die Hilde.‘ Ohne Stichwort kommt nichts. Den Termin beim Augenarzt hatte er zweimal vergessen, obwohl er im Kalender stand und ich ihn morgens gesagt hatte.“

So sagen es viele„Er passt eigentlich auf sich auf.“

So wird es sichtbar„Er sieht nicht ein, dass er den Rollator braucht, und lässt ihn täglich stehen. Im Juni stand er auf dem Küchenstuhl, um die Lampe zu wechseln. Er will immer noch Auto fahren, den Schlüssel haben wir versteckt. Im Winter geht er ohne Schuhe mit Profil raus. Ich muss ständig ein Auge auf ihn haben.“

Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.

Gute und schlechte Tage

Leistungsfähigkeit schwankt deutlich mit Blutdruck, Flüssigkeitshaushalt, Tageszeit und Müdigkeit; nach jedem neuen Durchblutungsereignis sprunghafte Verschlechterung. An guten Tagen im Gespräch oft erstaunlich klar, weil das Gedächtnis weniger betroffen ist als Tempo und Planung.

Was als Nachweis hilft

  • Falls vorhanden: Sturzprotokoll, Notaufnahmebericht
  • Falls vorhanden: Rollatorverordnung
  • Blutdruckwerte im Liegen/Stehen (Hausarzt)
  • Pflegetagebuch: nächtliche Desorientierung in der Wohnung mit Datum
  • Vorfälle in der näheren Umgebung (Weg nicht zurückgefunden), falls vorhanden
  • Falls vorhanden: Neuropsychologischer Befund, falls vorhanden
  • Zeitdauer typischer Handlungen im Tagebuch
  • Arzt-Stellungnahme zur Fahreignung

Und jetzt?

Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.

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