Pflegegrad nach Diagnose · Demenz und Neurologie

Pflegegrad bei Polyneuropathie

Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Polyneuropathie diese Hilfe typischerweise nötig macht.

Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026

Worum es geht

Schädigung vieler peripherer Nerven, meist beginnend an den Füßen und strumpfförmig aufsteigend, später auch an den Händen. Typisch sind Taubheit, Kribbeln, brennende Schmerzen, fehlendes Temperatur- und Lageempfinden und dadurch ein unsicherer, breitbeiniger Gang, der im Dunkeln und mit geschlossenen Augen deutlich schlechter wird. Häufigste Ursachen im Alter sind Diabetes und Alkohol; Folgen sind Stürze und unbemerkte Fußverletzungen.

Der Verlauf schreitet meist fort. Beschreib deshalb den Alltag, wie er im Moment wirklich ist, nicht wie er an einem guten Tag aussieht.

Das geht im Termin oft unter

Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.

  1. Modul 1 · Umsetzen

    Beim Aufstehen sackt der Blutdruck ab (autonome Neuropathie), gleichzeitig fehlt das Gefühl, ob die Füße sicher stehen. Nach dem Hochkommen muss die Person gehalten werden, bis der Kreislauf stabil ist und sie Stand findet.

    Warum das untergeht: Das Aufstehen gelingt kraftmäßig; der Moment danach, in dem jemand halten muss, wird nicht gesehen.

  2. Modul 1 · Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs

    Gehen erfolgt breitbeinig mit Blick auf den Boden, am Tag mit Rollator oder Stock. Bei Dunkelheit, auf Teppich, beim Umdrehen und bei Ablenkung fehlt die Kontrolle; es kommt zu Stolpern und Stürzen. Nachts ist Begleitung nötig.

    Warum das untergeht: Im hellen Termin schaut die Person auf die Füße und geht vorsichtig; der typische Alltag mit Licht aus und Teppich wird nicht gezeigt.

  3. Modul 5 · Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung

    Physiotherapeutisch angeleitetes Gleichgewichts- und Sensomotoriktraining für zu Hause; ohne Sicherung durch eine zweite Person wegen Sturzgefahr nicht durchführbar.

    Warum das untergeht: Wird nicht als therapeutische Maßnahme mit Unterstützung erkannt.

  4. Modul 6 · Ruhen und Schlafen

    Brennende Füße und Überempfindlichkeit gegen die Bettdecke können den Schlaf rauben. Manche brauchen nachts Hilfe beim Richten des Bettbogens oder Begleitung beim Aufstehen, weil das Gehen im Dunkeln sturzgefährlich ist. Bedarfsmedikation und angeordnete Kühlung werden in Modul 5 erfasst, nicht in 6.2.

    Warum das untergeht: Schlafprobleme werden als Befindlichkeit und nicht als Hilfebedarf erzählt.

Typische Fallen bei der Begutachtung

  • Im hellen Raum mit Blick auf die Füße geht die Person ein paar Meter sicher. Nachts, in der Dusche mit geschlossenen Augen oder auf dem Teppich ist es völlig anders.
  • Taubheit ist unsichtbar. ‚Die Füße sind halt taub‘ wird gesagt, aber nicht die tägliche Fußkontrolle, Schuhkontrolle und Wassertemperaturprüfung, die dadurch nötig werden.
  • Die Beteiligung der Hände wird übersehen, weil nur die Beine als Problem gelten.
  • Neuropathische Schmerzen nachts werden nicht beschrieben, weil der Termin tagsüber ist.
  • Bei alkoholbedingter PNP schämen sich Angehörige und verschweigen die Ursache; für die Begutachtung zählen aber die Auswirkungen, nicht die Ursache.
  • Stürze werden verharmlost (‚bin nur gestolpert‘), obwohl sie das Leitsymptom sind.

Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul

Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.

Modul 1: Mobilitätkostenlos · zum Aufklappen tippen3 Punkte

Muss wegen einer echten Sturzgefahr jemand beim Gehen oder auf der Treppe dabei sein, zählt das hier als „überwiegend selbstständig“. Stützen oder Festhalten wird höher bewertet.

  • 1.3 Umsetzen oft übersehen nachts

    Beim Aufstehen sackt der Blutdruck ab (autonome Neuropathie), gleichzeitig fehlt das Gefühl, ob die Füße sicher stehen. Nach dem Hochkommen muss die Person gehalten werden, bis der Kreislauf stabil ist und sie Stand findet.

    Hilfe: körperliche Sicherung, punktuelle körperliche Unterstützung

  • 1.4 Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs oft übersehen nachts

    Gehen erfolgt breitbeinig mit Blick auf den Boden, am Tag mit Rollator oder Stock. Bei Dunkelheit, auf Teppich, beim Umdrehen und bei Ablenkung fehlt die Kontrolle; es kommt zu Stolpern und Stürzen. Nachts ist Begleitung nötig.

    Hilfe: Anwesenheit aus Sicherheitsgründen, punktuelle körperliche Unterstützung

  • 1.5 Treppensteigen

    Auf der Treppe fehlt die Rückmeldung, ob der Fuß vollständig auf der Stufe steht; der Blick nach unten ist nötig, abwärts besonders gefährlich. Treppen nur mit Geländer und Begleitung.

    Hilfe: punktuelle körperliche Unterstützung, körperliche Sicherung

Modul 4: Selbstversorgung4 Punkte

Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare · An- und Auskleiden des Oberkörpers · An- und Auskleiden des Unterkörpers · Mundgerechtes Zubereiten der Nahrung und Eingießen von Getränken

Modul 5: Umgang mit Krankheit und Therapie6 Punkte

Medikation · Messung und Deutung von Körperzuständen · Verbandswechsel und Wundversorgung · Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung · Arztbesuche · Besuch anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen (bis 3 Std.)

Modul 6: Alltag und soziale Kontakte2 Punkte

Ruhen und Schlafen · Sichbeschäftigen

Alle Module und die Liste zum Ausdrucken

Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 4 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Polyneuropathie zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.

Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz

So schilderst du es konkret

Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.

So sagen es viele„Aufstehen kann er allein.“

So wird es sichtbar„Hochkommen kann er, aber dann wird ihm schwarz vor Augen und er merkt nicht, ob er richtig auf den Füßen steht. Ich stehe jedes Mal vor ihm und halte ihn an beiden Unterarmen, bis er sagt, jetzt geht es. Morgens lasse ich ihn erst eine Minute auf der Bettkante sitzen und gebe ihm ein Glas Wasser. Sechs- bis zehnmal am Tag, nachts auch.“

So sagen es viele„In der Wohnung läuft er mit dem Stock.“

So wird es sichtbar„Tagsüber, wenn es hell ist und er auf seine Füße guckt, geht es mit dem Stock. Sobald es dämmert oder er sich umdreht, schwankt er, als wäre er betrunken. Er ist dieses Jahr viermal gestürzt, dreimal davon abends oder nachts. Seitdem begleite ich ihn abends und nachts zu jeder Toilette und halte ihn am Arm.“

So sagen es viele„Übungen hat er vom Physiotherapeuten.“

So wird es sichtbar„Die Übungen auf dem Wackelkissen darf er nur machen, wenn jemand direkt hinter ihm steht. Ich sichere ihn und zähle, viermal die Woche eine Viertelstunde. Allein würde er stürzen oder es gar nicht machen.“

Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.

Wie du solche Sätze im Termin sagst, ohne dass es auswendig gelernt klingt, zeige ich im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“ →

Gute und schlechte Tage

Der Gang ist am Tag bei gutem Licht und mit Blickkontrolle auf die Füße besser als nachts, in der Dämmerung, auf Teppichen und beim Augenschließen (z. B. Haare waschen). Schmerzen sind abends und nachts am stärksten. Im hellen Termin mit Blick auf den Boden wirkt der Gang oft sicherer als im Alltag.

Was als Nachweis hilft

  • Blutdruck im Liegen und Stehen beim Hausarzt messen lassen (Schellong-Test)
  • Beinahe-Stürze beim Aufstehen notieren
  • Sturzliste mit Tageszeit und Lichtverhältnissen
  • Falls vorhanden: Neurologischer Befund zur PNP beilegen
  • Stürze auf der Treppe notieren
  • Duschhocker, Haltegriffe benennen
  • Verbrühungen oder Stürze im Bad notieren
  • Bei Demonstration Knopf schließen lassen und Dauer zeigen

Und jetzt?

Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.

Ähnliche Diagnosen