Pflegegrad bei Krebs und in der Palliativsituation
Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Krebs und Palliativsituation diese Hilfe typischerweise nötig macht.
Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026
Worum es geht
Krebserkrankung, die nicht mehr heilbar ist, meist mit Metastasen. Im Vordergrund stehen die Linderung von Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Schwäche und Angst sowie der Erhalt von Lebensqualität. Der Hilfebedarf nimmt oft innerhalb von Wochen zu und reicht bis zur vollständigen Übernahme in der letzten Lebensphase; gleichzeitig laufen häufig noch Chemo-, Immun- oder Strahlentherapie mit eigenen Anforderungen.
Der Verlauf schreitet meist fort. Beschreib deshalb den Alltag, wie er im Moment wirklich ist, nicht wie er an einem guten Tag aussieht.
Das geht im Termin oft unter
Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.
- Modul 2 · Mitteilen von elementaren Bedürfnissen
In der letzten Lebensphase kann die Person Schmerzen, Durst, Kälte oder Harndrang nicht mehr mitteilen; Angehörige müssen Mimik, Unruhe und Atmung deuten.
Warum das untergeht: Wird nicht als Kriterium erkannt; Angehörige sprechen nur über die sichtbare Pflege.
- Modul 3 · Motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten
Kann immer wieder aus dem Bett wollen, obwohl die Beine nicht tragen, und muss dann beruhigt und gesichert werden (3.1). Nesteln an Decke und Kleidung gehört zu 3.13, Ziehen an Katheter oder Pumpe zu 3.8; dasselbe Ereignis nur einmal zählen.
Warum das untergeht: Wird als Teil des Sterbens hingenommen und nicht als Verhalten mit Hilfebedarf beschrieben.
- Modul 3 · Nächtliche Unruhe
Kann nachts verwirrt und unruhig sein, die Umgebung nicht erkennen, rufen, aufstehen oder weg wollen und muss dann beruhigt werden. Licht machen und Orientierungshilfe gehören zu 6.2, die Bedarfsmedikation zu Modul 5.
Warum das untergeht: Wer nachts wacht, erzählt es nicht, weil es ‚jetzt eben so ist‘.
- Modul 3 · Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten
Kann wiederholt stöhnen, jammern oder rufen, auch wenn Schmerzen behandelt sind, und braucht dann Zuwendung und Beruhigung. Liegt ein nachvollziehbarer Grund vor (falsche Lage, Schmerz), ist das dort zu erfassen und nicht unter 3.7.
Warum das untergeht: Wird nicht als vokale Auffälligkeit erkannt.
- Modul 5 · Medikation
Schmerzmittel nach festem Schema (Tabletten, Tropfen, Schmerzpflaster alle 72 Stunden) plus Bedarfsmedikation bei Durchbruchschmerzen, Übelkeit, Unruhe. Angehörige verabreichen, dokumentieren, entscheiden nach ärztlicher Vorgabe über Bedarfsgaben.
Warum das untergeht: Bedarfsgaben und nächtliche Gaben werden nicht mitgezählt.
- Modul 5 · Injektionen
Wenn Schlucken nicht mehr geht: Schmerz-, Angst- oder Übelkeitsmittel als Spritze unter die Haut (teils über liegende Butterfly-Nadel), dazu Thrombosespritze.
Warum das untergeht: Werden dem Palliativteam zugeschrieben; auch Injektionen durch Pflegedienst oder angeleitete Angehörige zählen.
Genau diese Punkte gehen im Termin am häufigsten unter. Wie du sie so vorbereitest, dass du sie im Gespräch nicht vergisst, zeige ich im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“ →
Typische Fallen bei der Begutachtung
- Die Voraussetzung ‚voraussichtlich mindestens sechs Monate‘ gilt nach den Begutachtungs-Richtlinien auch dann als erfüllt, wenn die verbleibende Lebenszeit kürzer ist. Angehörige verzichten deshalb nicht auf einen Antrag.
- Der Zustand ändert sich schnell. Bei deutlicher Verschlechterung nach dem Termin zeitnah Höherstufung beantragen; das Gutachten bildet nur den Stand am Termintag ab.
- Im Termin reißen sich Betroffene zusammen, oft nach einer Bedarfsdosis Schmerzmittel. Schmerzspitzen, Nächte und Tage nach der Chemotherapie gezielt schildern.
- Was der Pflegedienst oder das Palliativteam (SAPV) übernimmt, zählt ebenfalls. Leistungsnachweise und Palliativdokumentation mitgeben.
- Hilfe wird nicht erzählt, weil sie selbstverständlich ist: das Beruhigen bei Angst und Unruhe, die Begleitung wegen Sturzgefahr. Bei Angst zählt dabei nur aktive Hilfe, nicht das bloße Dabeisein.
- Für bestimmte Situationen gelten verkürzte Bearbeitungsfristen, z. B. im Hospiz (siehe Lektion 1.3); Unterlagen früh zusammenstellen.
Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul
Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.
Modul 5: Umgang mit Krankheit und Therapiekostenlos · zum Aufklappen tippen10 Punkte
- 5.1 Medikation oft übersehen nachts
Schmerzmittel nach festem Schema (Tabletten, Tropfen, Schmerzpflaster alle 72 Stunden) plus Bedarfsmedikation bei Durchbruchschmerzen, Übelkeit, Unruhe. Angehörige verabreichen, dokumentieren, entscheiden nach ärztlicher Vorgabe über Bedarfsgaben.
Hilfe: Vollübernahme, Teilübernahme
- 5.2 Injektionen oft übersehen nachts
Wenn Schlucken nicht mehr geht: Schmerz-, Angst- oder Übelkeitsmittel als Spritze unter die Haut (teils über liegende Butterfly-Nadel), dazu Thrombosespritze.
Hilfe: Vollübernahme
- 5.4 Absaugen und Sauerstoffgabe nachts
Sauerstoff bei Atemnot anlegen und regulieren; in der letzten Phase bei starkem Sekret ggf. Absaugen im Mund-Rachen-Raum nach ärztlicher Anordnung.
Hilfe: Vollübernahme
- 5.6 Messung und Deutung von Körperzuständen
Unter Chemotherapie ärztlich angeordnet Temperatur messen (Infektgefahr bei niedrigen Abwehrwerten), unter Kortison ggf. Blutzucker; bei Grenzwerten sofort Klinik informieren.
Hilfe: Teilübernahme, Vollübernahme
- 5.7 Körpernahe Hilfsmittel
Lymphödem (z. B. Arm nach Brustkrebs, Beine bei Beckentumoren): verordneter Kompressionsstrumpf oder Bandage wird morgens angelegt und abends abgenommen.
Hilfe: Vollübernahme
- 5.8 Verbandswechsel und Wundversorgung
Aufbrechende Tumorwunde mit Geruch, Nässen, Blutungsneigung oder Druckgeschwür: Verbandswechsel nach ärztlicher Anordnung, teils täglich, mit Geruchsbindung und Blutstillung.
Hilfe: Vollübernahme
- 5.9 Versorgung mit Stoma
Pflege der Haut um Stoma oder PEG-Einstichstelle: reinigen, begutachten, Verband erneuern, Sonde mobilisieren nach Plan.
Hilfe: Vollübernahme
- 5.10 Regelmäßige Einmalkatheterisierung und Nutzung von Abführmethoden
Bei hartnäckiger Verstopfung durch Opioide können ärztlich angeordnete Klistiere oder Einläufe, selten auch eine digitale Ausräumung nötig sein. Abführzäpfchen → 5.1.
Hilfe: Vollübernahme
- 5.13 Arztbesuche
Termine beim Onkologen, Hausarzt, Schmerztherapeuten, zu Kontrollen und Bildgebung; nur mit Begleitung, Rollstuhl und oft Krankentransport.
Hilfe: Begleitung, Teilübernahme
- 5.15 Zeitlich ausgedehnte Besuche medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen (über 3 Std.)
Ambulante Chemo- oder Immuntherapie in der Tagesklinik, mit Vorbereitung, Infusion und Nachbeobachtung oft mehr als drei Stunden; Begleitung wegen Schwäche und Übelkeit.
Hilfe: Begleitung, Teilübernahme
Positionswechsel im Bett · Halten einer stabilen Sitzposition · Umsetzen · Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs
Mitteilen von elementaren Bedürfnissen
Motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten · Nächtliche Unruhe · Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten · Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage
Waschen des vorderen Oberkörpers · Körperpflege im Bereich des Kopfes · Waschen des Intimbereichs · An- und Auskleiden des Unterkörpers · Essen · Trinken · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls · Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz und Umgang mit Dauerkatheter und Urostoma · Bewältigen der Folgen einer Stuhlinkontinenz und Umgang mit Stoma
Gestaltung des Tagesablaufs und Anpassung an Veränderungen · Ruhen und Schlafen · Sichbeschäftigen · Interaktion mit Personen im direkten Kontakt
Alle Module und die Liste zum Ausdrucken
Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 6 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Krebs und Palliativsituation zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.
Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz
Freigeschaltet. Die Liste zum Ausdrucken wurde heruntergeladen.
Die Liste zeigt, was zählt. Wie du es im Termin ruhig und vollständig sagst, ist Thema im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“.
So schilderst du es konkret
Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.
So sagen es viele„Sie spricht kaum noch.“
So wird es sichtbar„Meine Mutter kann nicht mehr sagen, wenn ihr etwas wehtut. Ich sehe es daran, dass sie die Stirn runzelt, stöhnt oder an der Decke zupft. Dann entscheide ich, ob sie das Bedarfsmittel bekommt, ob sie Durst hat oder nass ist. Ich muss sie deshalb fast ständig im Blick haben.“
So sagen es viele„Er ist unruhig.“
So wird es sichtbar„Mein Vater zupft ständig an der Bettdecke und am Schlauch der Schmerzpumpe. Mehrmals am Tag versucht er, die Beine über die Bettkante zu schieben, obwohl er nicht mehr stehen kann. Ich muss dann sofort da sein, ihn festhalten und beruhigen. Einmal hat er den Schlauch fast herausgezogen.“
So sagen es viele„Nachts ist es manchmal schwierig.“
So wird es sichtbar„Seit zwei Wochen ist meine Mutter fast jede Nacht ab zwei Uhr unruhig, sie denkt, sie ist im Krankenhaus und will nach Hause. Sie ruft nach ihrer eigenen Mutter, zieht an den Gittern. Ich sitze dann bei ihr, halte ihre Hand und gebe nach Absprache mit dem Palliativarzt das Beruhigungsmittel. Mein Bruder und ich wechseln uns nachts ab.“
Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.
Gute und schlechte Tage
Der Zustand schwankt mit Therapiezyklen (Tiefpunkt einige Tage nach der Chemotherapie), Schmerzspitzen, Infekten und Tagesform; insgesamt verschlechtert er sich oft schnell. Ein Gutachten kann schon bei Zustellung überholt sein. Bei schneller Verschlechterung ist ein Höherstufungsantrag möglich, und für bestimmte Situationen (z. B. Hospiz) gelten verkürzte Fristen.
Was als Nachweis hilft
- Lagerungsplan/Pflegedokumentation
- Palliativdokumentation SAPV
- Pflegetagebuch
- Falls vorhanden: Hilfsmittelverordnung (Drehteller, Toilettenstuhl, Pflegebett)
- Palliativdokumentation (z. B. Schmerzeinschätzung durch Beobachtung)
- SAPV-Dokumentation zu Unruhe/Delir
- Nachtprotokoll
- SAPV-/Palliativarzt-Dokumentation
Und jetzt?
Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.