Pflegegrad nach Diagnose · Herz, Lunge, Stoffwechsel, Niere

Pflegegrad bei Diabetes

Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Diabetes Typ 2 mit Folgeschäden diese Hilfe typischerweise nötig macht.

Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026

Worum es geht

Chronisch erhöhter Blutzucker durch Insulinresistenz und nachlassende Insulinbildung. Über Jahre entstehen Schäden an Nerven (Taubheit, Schmerzen, Gangunsicherheit), Augen (Sehverlust), Nieren und Gefäßen; das diabetische Fußsyndrom mit schlecht heilenden Wunden kann bis zur Amputation führen. Die Therapie mit Tabletten, Insulin, Blutzuckermessungen, Ernährungsvorgaben und Fußpflege ist täglich und fehleranfällig, besonders wenn Sehen, Feinmotorik oder Gedächtnis nachlassen.

Der Verlauf schreitet meist fort. Beschreib deshalb den Alltag, wie er im Moment wirklich ist, nicht wie er an einem guten Tag aussieht.

Das geht im Termin oft unter

Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.

  1. Modul 4 · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls

    Häufiger Harndrang bei hohen Werten, nachts Toilettengänge; mit Sehbehinderung, Neuropathie oder nach Amputation Begleitung, Transfer auf die Toilette, Hilfe bei der Kleidung.

    Warum das untergeht: Die nächtlichen Gänge werden nicht mitgezählt.

  2. Modul 5 · Messung und Deutung von Körperzuständen

    Blutzuckermessung ein- bis viermal täglich (bei Insulin), ggf. nachts. Werte werden nicht abgelesen oder nicht eingeordnet; die Dosisanpassung nach Korrekturschema und das Handeln bei Unterzucker übernehmen Angehörige.

    Warum das untergeht: Das Deuten der Werte und die Entscheidung über die Insulinmenge werden nicht als eigene Hilfe erkannt.

  3. Modul 5 · Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften

    Bei ärztlich angeordneter, auf das Insulin abgestimmter Kost können manche Betroffene mit eingeschränkter Einsichtsfähigkeit Mahlzeiten nicht nach Vorgabe einhalten oder lassen sie aus; dann ist direktes Eingreifen nötig. Bewusstes Abweichen bei erhaltener Einsicht zählt nicht.

    Warum das untergeht: Ernährungsplanung gilt als Kochen (Hauswirtschaft); die Steuerung nach ärztlicher Vorgabe ist aber Modul 5.

Typische Fallen bei der Begutachtung

  • ‚Der Zucker ist gut eingestellt‘ klingt nach wenig Bedarf. Gut eingestellt ist er oft nur, weil jemand misst, spritzt, Essen abstimmt und kontrolliert. Jede Maßnahme mit Häufigkeit in Modul 5 benennen.
  • Wer das Insulin selbst spritzt, aber das Messgerät oder den Pen nicht mehr ablesen kann, braucht Hilfe. Teilhilfe (Einstellen der Einheiten, Kontrolle) zählt ebenfalls.
  • Sehbehinderung und Nervenschäden wirken in Modul 4 und 5, nicht in Modul 2 (dort zählen nur geistige Fähigkeiten).
  • Fußkontrolle und Schutzregeln werden als Kleinigkeit abgetan, obwohl bei Neuropathie täglich jemand hinschauen muss.
  • Wunden werden nur gewertet, wenn sie voraussichtlich länger als sechs Monate bestehen. Diabetische Fußwunden tun das häufig; Verlauf mit Wunddokumentation belegen.
  • Nächtliche Unterzuckerungen und Schmerzen werden im Termin vergessen, wenn die Nacht nicht gezielt angesprochen wird.

Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul

Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.

Modul 5: Umgang mit Krankheit und Therapiekostenlos · zum Aufklappen tippen9 Punkte
  • 5.1 Medikation

    Diabetes-, Blutdruck-, Cholesterin- und Schmerzmedikamente zu mehreren Zeitpunkten; bei Sehbehinderung werden Packungen verwechselt, Blister nicht gefunden. Wochenweises Stellen und Anreichen.

    Hilfe: Vorbereitung/Bereitstellen, Beobachtung/Beaufsichtigung

  • 5.2 Injektionen

    Insulin mit dem Pen ein- bis viermal täglich. Einheiten sind wegen Sehschwäche nicht ablesbar, taube Finger können den Pen nicht sicher bedienen, Einstichstellen werden nicht gewechselt, Dosis vergessen oder doppelt gegeben.

    Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung, Teilübernahme, Vollübernahme

  • 5.6 Messung und Deutung von Körperzuständen oft übersehen nachts

    Blutzuckermessung ein- bis viermal täglich (bei Insulin), ggf. nachts. Werte werden nicht abgelesen oder nicht eingeordnet; die Dosisanpassung nach Korrekturschema und das Handeln bei Unterzucker übernehmen Angehörige.

    Hilfe: Teilübernahme, Vollübernahme

  • 5.7 Körpernahe Hilfsmittel

    Nach Amputation Unterschenkelprothese morgens anlegen (Liner, Strumpf, Prothese), abends ablegen, Stumpf kontrollieren, Liner reinigen; bzw. Entlastungsorthese an- und ablegen.

    Hilfe: Teilübernahme, Vollübernahme

  • 5.8 Verbandswechsel und Wundversorgung

    Chronische Fußwunde (Ulkus) mit ärztlich angeordnetem Verbandswechsel, oft täglich oder alle zwei Tage, teils mit Wundspülung; Kontrolle auf Infektzeichen.

    Hilfe: Vollübernahme

  • 5.10 Regelmäßige Einmalkatheterisierung und Nutzung von Abführmethoden

    Bei ausgeprägter Blasenentleerungsstörung ärztlich verordnete regelmäßige Einmalkatheterisierung; kann wegen Sehen und Feinmotorik nicht selbst durchgeführt werden.

    Hilfe: Vollübernahme

  • 5.13 Arztbesuche

    Regelmäßige Termine: Hausarzt/Diabetologe (Quartal), Augenarzt, bei Fußwunde oft wöchentlich Fußambulanz; bei Makulaödem Augeninjektionen. Begleitung wegen Gehunsicherheit, Sehbehinderung, Rollstuhl.

    Hilfe: Begleitung, Teilübernahme

  • 5.14 Besuch anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen (bis 3 Std.)

    Ärztlich verordnete podologische Behandlung (medizinische Fußpflege) alle 4–6 Wochen in der Praxis; Begleitung und Fahrt nötig.

    Hilfe: Begleitung, Teilübernahme

  • 5.16 Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften oft übersehen

    Bei ärztlich angeordneter, auf das Insulin abgestimmter Kost können manche Betroffene mit eingeschränkter Einsichtsfähigkeit Mahlzeiten nicht nach Vorgabe einhalten oder lassen sie aus; dann ist direktes Eingreifen nötig. Bewusstes Abweichen bei erhaltener Einsicht zählt nicht.

    Hilfe: Erinnerung/Aufforderung, Beobachtung/Beaufsichtigung

Modul 1: Mobilität3 Punkte

Umsetzen · Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs · Treppensteigen

Modul 3: Verhalten und Psyche1 Punkte

Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage

Modul 4: Selbstversorgung4 Punkte

Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare · An- und Auskleiden des Unterkörpers · Mundgerechtes Zubereiten der Nahrung und Eingießen von Getränken · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls

Modul 6: Alltag und soziale Kontakte2 Punkte

Sichbeschäftigen · Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds

Alle Module und die Liste zum Ausdrucken

Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 5 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Diabetes Typ 2 mit Folgeschäden zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.

Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz

So schilderst du es konkret

Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.

So sagen es viele„Toilette geht er allein.“

So wird es sichtbar„Mein Vater muss nachts zweimal zur Toilette. Seit der Amputation geht das nur mit mir: ich helfe ihm in den Rollstuhl, schiebe ihn ins Bad, helfe beim Umsetzen und beim Hose-Runterziehen. Tagsüber genauso, sechs- bis achtmal.“

So sagen es viele„Zucker messen wir regelmäßig.“

So wird es sichtbar„Vor jeder Mahlzeit und vor dem Schlafen messe ich bei meiner Mutter den Zucker, viermal am Tag. Sie kann den Wert nicht lesen und weiß nicht, was er bedeutet. Nach dem Plan des Diabetologen entscheide ich, wie viel Insulin sie bekommt, und bei unter 70 gebe ich Traubenzucker und messe nach einer Viertelstunde nochmal. Wenn sie abends niedrig war, messe ich um drei Uhr nachts noch einmal.“

So sagen es viele„Wir achten auf das Essen.“

So wird es sichtbar„Mein Vater bekommt zu den Mahlzeiten Insulin. Wenn er dann nicht isst, rutscht er in den Unterzucker, und wenn er nachmittags heimlich Kuchen isst, ist er abends bei 350. Ich teile die Portionen ein, erinnere ihn an die Zwischenmahlzeit um zehn und um drei und räume Süßes weg. Das ist jeden Tag Thema.“

Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.

Wie du solche Sätze im Termin sagst, ohne dass es auswendig gelernt klingt, zeige ich im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“ →

Gute und schlechte Tage

Blutzuckerschwankungen verändern Leistungsfähigkeit und Denken innerhalb von Stunden: bei Unterzucker Zittern, Verwirrtheit, Sturzgefahr; bei hohen Werten Müdigkeit, Durst, häufiges Wasserlassen. Neuropathische Schmerzen sind abends und nachts oft stärker. Nach einer Fußwunde oder Amputation ändert sich der Bedarf sprunghaft. Im Termin wird oft nur ‚Zucker ist eingestellt‘ erwähnt.

Was als Nachweis hilft

  • Falls vorhanden: Entlassbrief Amputation
  • Falls vorhanden: Hilfsmittelverordnung Rollstuhl
  • Pflegetagebuch
  • Falls vorhanden: Neurologischer Befund Polyneuropathie
  • Sturzprotokoll
  • Falls vorhanden: Arztbrief mit depressiver Symptomatik
  • ggf. Dokumentation früherer Verbrühung/Wunde
  • Falls vorhanden: Verordnung Diabetesschutzschuhe/Einlagen

Und jetzt?

Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.

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