Pflegegrad bei Dialyse
Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Niereninsuffizienz und Dialyse diese Hilfe typischerweise nötig macht.
Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026
Worum es geht
Fortschreitender Verlust der Nierenfunktion, im Alter meist als Folge von Diabetes und Bluthochdruck. Mit sinkender Funktion kommen Erschöpfung, Blutarmut, Wassereinlagerungen, Juckreiz, Appetitverlust und strenge Vorgaben zu Trinkmenge und Ernährung hinzu. Im Endstadium ist eine Dialyse nötig: meist dreimal pro Woche mehrere Stunden im Dialysezentrum (Hämodialyse) oder täglich zu Hause über den Bauch (Peritonealdialyse).
Der Verlauf schreitet meist fort. Beschreib deshalb den Alltag, wie er im Moment wirklich ist, nicht wie er an einem guten Tag aussieht.
Das geht im Termin oft unter
Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.
- Modul 3 · Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage
Niedergeschlagen, sieht keinen Sinn, verbringt dialysefreie Tage im Bett oder Sessel, muss zu allem angehalten werden.
Warum das untergeht: Wird der körperlichen Erschöpfung zugeschrieben.
- Modul 4 · Essen
Wenig Appetit, Übelkeit, veränderter Geschmack; isst nur mit Zureden und wenn jemand dabeisitzt. Gewicht und Eiweißwerte sinken.
Warum das untergeht: Zureden beim Essen wird nicht als Hilfe gesehen.
- Modul 4 · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls
Toilettengänge an Dialysetagen nur mit Begleitung und Hilfe beim Aufstehen; Restausscheidung und Durchfälle durch Medikamente.
- Modul 5 · Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften
Bei ärztlich angeordneter Trinkmengenbegrenzung (Menge laut individueller Vorgabe des Dialysezentrums) können manche Betroffene die Vorgabe krankheitsbedingt nicht einhalten, weil sie die Notwendigkeit nicht erkennen oder vergessen; dann ist direktes Eingreifen nötig. Starker Durst allein bei erhaltener Einsicht reicht nicht.
Warum das untergeht: Wird als Haushalt oder ‚passen wir halt auf‘ abgetan, obwohl es eine tägliche Hilfe ist.
- Modul 5 · Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften
Bei ärztlich angeordneter kalium- und phosphatarmer Kost können manche Betroffene mit eingeschränkter Einsichtsfähigkeit die Vorgaben nicht einhalten; dann ist direktes Eingreifen nötig. Das Zubereiten der Kost (Wässern, Planen) zählt nicht.
Warum das untergeht: Ernährungsvorgaben werden als Kochen missverstanden.
Typische Fallen bei der Begutachtung
- Termin am dialysefreien Tag zeigt den besten Zustand. Dialysetage getrennt schildern (‚3 Tage pro Woche so, 4 Tage so‘) oder um einen Termin bitten, der die Situation abbildet.
- Dialyse im Zentrum zählt in 5.15 nur, wenn eine Begleitung nötig ist. Fährt die Person allein mit dem Fahrdienst, zählt die Dialyse dort nicht; die Folgen danach (Erschöpfung, Schwindel) zählen aber in Modul 1 und 4.
- Peritonealdialyse zu Hause wird oft vom Angehörigen übernommen und dann als ‚macht er zu Hause‘ untertrieben; sie ist eine zeit- und technikintensive Maßnahme (5.12).
- Trinkmengen- und Kaliumkontrolle gelten als Haushalt, sind aber krankheitsbedingte Verhaltensvorschriften (5.16).
- Phosphatbinder zu jeder Mahlzeit erhöhen die Häufigkeit in 5.1 deutlich; oft vergessen.
- Diagnose ‚Dialysepatient‘ allein bringt keine Punkte; bewertet wird der Hilfebedarf.
Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul
Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.
Modul 5: Umgang mit Krankheit und Therapiekostenlos · zum Aufklappen tippen8 Punkte
- 5.1 Medikation
Viele Medikamente mit festen Zeitpunkten, Phosphatbinder zu jeder Mahlzeit, teils Anpassung an Dialysetage (Blutdrucksenker vor Dialyse weglassen). Stellen, Anreichen, Kontrollieren.
Hilfe: Vorbereitung/Bereitstellen, Vollübernahme
- 5.2 Injektionen
Blutbildungsmittel (Erythropoetin) oder andere Spritzen unter die Haut, wenn sie nicht im Dialysezentrum gegeben werden (v. a. vor Dialyse oder bei Bauchfelldialyse).
Hilfe: Vollübernahme
- 5.5 Einreibungen sowie Kälte- und Wärmeanwendungen nachts
Ärztlich verordnete Salbe oder Lotion gegen urämischen Juckreiz, ein- bis mehrmals täglich; Rücken und Beine nicht selbst erreichbar.
Hilfe: Teilübernahme, Vollübernahme
- 5.6 Messung und Deutung von Körperzuständen
Ärztlich angeordnet: täglich wiegen (Gewichtszunahme zwischen den Dialysen), Blutdruck messen und notieren; bei Überschreitung Meldung an Dialysezentrum.
Hilfe: Teilübernahme, Vollübernahme
- 5.11 Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung nachts
Bei Bauchfelldialyse zu Hause (CAPD) können manche Betroffene die Beutelwechsel nicht selbst durchführen; Angehörige übernehmen sie ganz oder teilweise. Nach BRi unter 5.11. Nächtliche Gerätedialyse (APD) nur bei ständiger Überwachung durch geschulte Pflegepersonen als 5.12 prüfen.
Hilfe: Vollübernahme, Teilübernahme
- 5.13 Arztbesuche
Neben der Dialyse: Hausarzt, Kardiologe, Gefäßchirurg (Shuntkontrolle), Augenarzt, Transplantationsambulanz. Begleitung wegen Erschöpfung und Sturzgefahr.
Hilfe: Begleitung, Teilübernahme
- 5.16 Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften oft übersehen
Bei ärztlich angeordneter Trinkmengenbegrenzung (Menge laut individueller Vorgabe des Dialysezentrums) können manche Betroffene die Vorgabe krankheitsbedingt nicht einhalten, weil sie die Notwendigkeit nicht erkennen oder vergessen; dann ist direktes Eingreifen nötig. Starker Durst allein bei erhaltener Einsicht reicht nicht.
Hilfe: Erinnerung/Aufforderung, Beobachtung/Beaufsichtigung
- 5.16 Einhaltung einer Diät und anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften oft übersehen
Bei ärztlich angeordneter kalium- und phosphatarmer Kost können manche Betroffene mit eingeschränkter Einsichtsfähigkeit die Vorgaben nicht einhalten; dann ist direktes Eingreifen nötig. Das Zubereiten der Kost (Wässern, Planen) zählt nicht.
Hilfe: Beobachtung/Beaufsichtigung, Erinnerung/Aufforderung
Umsetzen · Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs · Treppensteigen
Antriebslosigkeit bei depressiver Stimmungslage
Waschen des vorderen Oberkörpers · Duschen und Baden einschließlich Waschen der Haare · An- und Auskleiden des Oberkörpers · An- und Auskleiden des Unterkörpers · Essen · Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls
Sichbeschäftigen · Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds
Alle Module und die Liste zum Ausdrucken
Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 5 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Niereninsuffizienz und Dialyse zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.
Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz
Freigeschaltet. Die Liste zum Ausdrucken wurde heruntergeladen.
Die Liste zeigt, was zählt. Wie du es im Termin ruhig und vollständig sagst, ist Thema im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“.
So schilderst du es konkret
Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.
So sagen es viele„Er ist halt müde.“
So wird es sichtbar„Auch an den Tagen ohne Dialyse steht mein Mann kaum auf. Er sagt, sein Leben besteht nur noch aus dieser Maschine. Ich muss ihn für alles antreiben: aufstehen, waschen, etwas essen, raus auf den Balkon. Mehrmals am Tag.“
So sagen es viele„Er isst halt wenig.“
So wird es sichtbar„Mein Vater sagt, alles schmeckt nach Metall. Wenn ich nicht dabeisitze und zurede, isst er drei Bissen und schiebt den Teller weg. Die Dialyseärztin sagt, er muss mehr Eiweiß essen, sonst baut er weiter ab. Ich sitze bei jeder Mahlzeit dabei.“
So sagen es viele„Toilette geht er allein.“
So wird es sichtbar„An den Dialysetagen gehe ich mit meinem Mann zur Toilette und helfe ihm hoch, weil er beim Aufstehen schwankt. Nachts steht dann der Toilettenstuhl neben dem Bett.“
Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.
Wie du solche Sätze im Termin sagst, ohne dass es auswendig gelernt klingt, zeige ich im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“ →
Gute und schlechte Tage
Bei Hämodialyse gibt es einen festen Rhythmus: Am Dialysetag und oft noch am Abend danach ist die Person erschöpft, schwindelig, hat Krämpfe und braucht deutlich mehr Hilfe. Am dialysefreien Tag geht es besser, vor der nächsten Dialyse steigen Wassereinlagerung und Atemnot wieder. Liegt der Gutachtertermin an einem dialysefreien Vormittag, sieht die Gutachterin den besten Tag der Woche. Beide Tagestypen getrennt beschreiben.
Was als Nachweis hilft
- Dialyseprotokolle mit Blutdruck nach Dialyse
- Pflegetagebuch getrennt nach Dialyse- und freien Tagen
- Sturzprotokoll
- Falls vorhanden: Laborwerte Hämoglobin
- Pflegetagebuch nach Tagestyp
- Pflegetagebuch
- Falls vorhanden: Arztbrief mit Depression
- Pflegetagebuch: Duschtage und übernommene Teile
Und jetzt?
Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.