Pflegegrad bei Angststörung
Die Diagnose allein bringt keine Punkte. Gewertet wird, wobei jemand im Alltag Hilfe braucht und wie oft. Hier siehst du, wo Angst- und Panikstörung diese Hilfe typischerweise nötig macht.
Von Patrick Globert, Pflegefachkraft und Pflegeberater · Stand 28.09.2026
Worum es geht
Übermäßige, nicht kontrollierbare Angst, entweder anfallsartig als Panikattacke mit Herzrasen, Atemnot und Todesangst, dauerhaft als Sorgen und Anspannung (generalisierte Angststörung) oder gebunden an Situationen wie Alleinsein, Menschenmengen oder das Verlassen der Wohnung (Agoraphobie). Im Alter kommen häufig Sturzangst nach einem Sturz und Angst in Verbindung mit Herz- oder Lungenerkrankungen hinzu. Typisch ist Vermeidungsverhalten, das den Alltag immer enger macht.
Der Verlauf schwankt stark. Beschreib deshalb den Alltag, wie er im Moment wirklich ist, nicht wie er an einem guten Tag aussieht.
Das geht im Termin oft unter
Diese Punkte zählen für den Pflegegrad, werden aber häufig gar nicht erst erwähnt oder nicht als Hilfe erkannt.
- Modul 3 · Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten
Ruft immer wieder nach der vertrauten Person (‚Bist du noch da?‘), wiederholt Fragen, klagt laut, sobald sie für kurze Zeit allein im Raum ist.
Warum das untergeht: Kategorie ‚vokale Auffälligkeiten‘ ist unbekannt; das Rufen wird als lästig, aber normal hingenommen.
- Modul 3 · Ängste
Plötzliche Angstanfälle mit Herzrasen, Luftnot und Todesangst. Die Person kann sich allein nicht beruhigen, ruft an oder klingelt, braucht jemanden, der da ist, anleitet zu atmen und bleibt, bis es vorbei ist.
Warum das untergeht: Im Termin ist keine Attacke sichtbar; Angehörige sagen ‚ab und zu‘, was als selten gewertet werden kann.
- Modul 3 · Ängste
Wacht nachts mit Panik auf (Herzrasen, Luftnot, Angst zu sterben), weckt den Partner oder ruft an. Kann sich allein nicht beruhigen und braucht Zuspruch und jemanden, der beim Atmen anleitet, bis es vorbei ist.
Warum das untergeht: Nachts wird im Termin kaum gefragt. Der Partner erzählt es nicht, weil er ‚ohnehin wach ist‘.
Genau diese Punkte gehen im Termin am häufigsten unter. Wie du sie so vorbereitest, dass du sie im Gespräch nicht vergisst, zeige ich im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“ →
Typische Fallen bei der Begutachtung
- Im Termin sitzt die vertraute Person daneben, deshalb wirkt alles ruhig. Benennen, was in schwierigen Momenten konkret getan wird (beruhigen, zum Atmen anleiten, ablenken, zureden). Bloße Anwesenheit zählt bei 3.10 nicht.
- Panikattacken sind anfallsartig. Ohne Häufigkeit (z. B. ‚4 Attacken in den letzten 2 Wochen, jeweils 20 Minuten Beruhigung‘) bleibt 3.10 schnell unbewertet.
- Diagnose ‚Angststörung‘ allein bringt keine Punkte; gewertet wird, wer wie oft hilft, die Angst zu bewältigen.
- Sturzgefahr und Sturzangst getrennt prüfen: Anwesenheit aus nachvollziehbaren motorischen Sicherheitsgründen gehört zu Modul 1 bzw. 4 („überwiegend selbständig“). Unter 3.10 zählt nur eine ausgeprägte Angst, die aktive personelle Unterstützung erfordert.
- Außer Haus gehen (Einkaufen, Bus) wird in Modul 7 erfragt, bringt aber keine Punkte. Arzt- und Therapiebegleitung dagegen zählt in Modul 5.
- Betroffene schämen sich für ihre Angst und stellen sie im Termin kleiner dar (‚Das ist nur manchmal‘).
Wo Hilfe nötig wird, Modul für Modul
Der Medizinische Dienst schaut sich sechs Lebensbereiche an. Einträge mit nachts fallen auch in der Nacht an und werden besonders oft vergessen. Wie die Module zusammenspielen.
Modul 3: Verhalten und Psychekostenlos · zum Aufklappen tippen5 Punkte
Gezählt wird hier nur, wenn wegen des Verhaltens oder der Angst aktiv geholfen werden muss: beruhigen, zum Atmen anleiten, ablenken, zureden, eingreifen. Dass nur jemand im Raum ist, damit sich die Person sicherer fühlt, zählt nach den Begutachtungs-Richtlinien nicht.
- 3.1 Motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten
In Angstphasen läuft die Person auf und ab, nestelt, steht auf und setzt sich wieder, kann nicht still sitzen. Braucht jemanden, der ablenkt und begleitet.
Hilfe: aktive Beruhigung, Begleitung
- 3.7 Andere pflegerelevante vokale Auffälligkeiten oft übersehen
Ruft immer wieder nach der vertrauten Person (‚Bist du noch da?‘), wiederholt Fragen, klagt laut, sobald sie für kurze Zeit allein im Raum ist.
Hilfe: aktive Beruhigung
- 3.10 Ängste oft übersehen
Plötzliche Angstanfälle mit Herzrasen, Luftnot und Todesangst. Die Person kann sich allein nicht beruhigen, ruft an oder klingelt, braucht jemanden, der da ist, anleitet zu atmen und bleibt, bis es vorbei ist.
Hilfe: aktive angstlösende Unterstützung, Anleitung
- 3.10 Ängste
Kreist um Sorgen (Krankheit, Einbruch, Geld, Gesundheit der Kinder) und braucht immer wieder dieselbe Rückversicherung. Beruhigung hält nur kurz.
Hilfe: aktive angstlösende Unterstützung
- 3.10 Ängste oft übersehen nachts
Wacht nachts mit Panik auf (Herzrasen, Luftnot, Angst zu sterben), weckt den Partner oder ruft an. Kann sich allein nicht beruhigen und braucht Zuspruch und jemanden, der beim Atmen anleitet, bis es vorbei ist.
Hilfe: aktive angstlösende Unterstützung
Arztbesuche · Besuch anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen (bis 3 Std.)
Gestaltung des Tagesablaufs und Anpassung an Veränderungen · Sichbeschäftigen · Vornehmen von in die Zukunft gerichteten Planungen · Interaktion mit Personen im direkten Kontakt
Alle Module und die Liste zum Ausdrucken
Trag deine E-Mail ein. Dann öffnen sich hier alle 3 Module, und du bekommst sie zusätzlich als PDF: die typischen Situationen bei Angst- und Panikstörung zum Abhaken und ein Pflegetagebuch für zwei Wochen. Die Liste ist für alle gleich. Was davon bei euch zutrifft, kreuzt du selbst an.
Du bekommst eine Bestätigungsmail und danach gelegentlich Infos rund um Pflegegrad und Begutachtung. Abmelden geht jederzeit. Datenschutz
Freigeschaltet. Die Liste zum Ausdrucken wurde heruntergeladen.
Die Liste zeigt, was zählt. Wie du es im Termin ruhig und vollständig sagst, ist Thema im Videokurs „Pflegebegutachtung meistern“.
So schilderst du es konkret
Pauschale Sätze klingen harmlos und werden oft niedriger bewertet. Konkret heißt: was genau passiert, wie oft, wie lange, wer hilft und was ohne Hilfe passieren würde.
So sagen es viele„Sie ruft halt öfter nach mir.“
So wird es sichtbar„Wenn ich in die Küche gehe, ruft meine Mutter nach einer Minute ‚Bist du noch da?‘, dann wieder, und wird immer lauter, wenn ich nicht antworte. Beim Kochen rufe ich die ganze Zeit zurück oder lasse die Tür offen. Das geht den ganzen Tag so, auch wenn ich nur im Bad bin.“
So sagen es viele„Sie hat ab und zu Panikattacken.“
So wird es sichtbar„Meine Mutter hat drei- bis fünfmal in der Woche eine Panikattacke. Sie ruft mich an, bekommt kaum Luft und sagt, sie stirbt jetzt. Ich fahre hin oder bleibe am Telefon, sage ihr, sie soll langsam ausatmen, zähle mit ihr und bleibe, bis es vorbei ist, meistens eine halbe Stunde. Zweimal hat sie allein den Notarzt gerufen, das Herz war beide Male in Ordnung.“
So sagen es viele„Nachts ist sie manchmal unruhig.“
So wird es sichtbar„Zwei- bis dreimal die Woche wacht meine Frau gegen zwei Uhr auf, sitzt kerzengerade im Bett, schnappt nach Luft und sagt, sie hat einen Herzinfarkt. Ich mache Licht, öffne das Fenster, setze mich zu ihr und atme mit ihr, bis es vorbei ist, dann bleibe ich wach, bis sie wieder eingeschlafen ist. Das dauert jedes Mal bis zu einer Stunde.“
Die Beispiele sind ausgedacht. Übernimm nur, was bei euch wirklich so ist, und setz deine eigenen Zahlen ein. Nichts übertreiben, aber auch nichts kleinreden.
Gute und schlechte Tage
Angst schwankt stark mit Situation, Tagesform und damit, wer gerade da ist. Ist die Tochter beim Termin dabei, wirkt die Mutter ruhig. Panikattacken kommen anfallsartig und sind im Termin selten sichtbar. Schreib deshalb über Wochen auf, wie oft sie auftreten und was du dann konkret tust.
Was als Nachweis hilft
- Pflegetagebuch: Unruhephasen, Dauer, Hilfe
- Pflegetagebuch: Häufigkeit des Rufens pro Stunde an einem typischen Tag
- Angstprotokoll über 2–4 Wochen: Datum, Uhrzeit, Dauer, wer geholfen hat
- Falls vorhanden: Notarzt-/Klinikberichte ohne organischen Befund
- Falls vorhanden: Psychiater- oder Hausarztbrief mit Diagnose F41.0
- Pflegetagebuch: Anzahl der Rückversicherungen pro Tag, Tageszeit, Dauer
- Nachtprotokoll: Datum, Uhrzeit, Dauer, Hilfe
- Falls vorhanden: Kardiologischer Befund ohne Hinweis auf Infarkt (grenzt Panik ab)
Und jetzt?
Schreib über zwei bis vier Wochen auf, wann welche Hilfe nötig war. Mit dem Pflegegradrechner für Erwachsene kannst du danach grob einschätzen, wo ihr steht.